Gleiche Ziele: Volkslied und Rapper
Helma Kurz: Chorgesang hat Zukunft
Holte 2007 die Chorlegende Gotthilf Fischer (r.) zum 1. Chorfest Romantische Strasse nach Feuchtwangen: Helma Kurz, damalige Geschäftsführerin der Stiftung Dokumentations- und Forschungszentrum Deutsches Chorwesens. Mitte: Jürgen Wünschenmeyer (Geschäftsführer Romantische Straße Touristik-Arbeitsgemeinschaft)
Wötzel: Sie holten als "spiritus rector" der Chorfeste 2007 und jetzt zum 60. Geburtstag der Romantischen Straße die Chorlegende Gotthilf Fischer nach Feuchtwangen. Wird ein solches Fest nochmals stattfinden, wenn die Bedeutung des Sängermuseums schrumpfen sollte?
Helma Kurz: Ob, wann und in welcher Form dieses Fest wieder stattfinden wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Da muss man verschiedene Entwicklungen abwarten. Ich bin nicht abgeneigt, mache aber keine Zusagen. Ich wollte die Menschen auf dem Marktplatz zum Singen bringen. Als ich Gotthilf Fischer ins Gespräch brachte, hieß es "um Gottes willen Gotthilf". Ich bin überzeugt, dass sich jeder Gesangverein wünscht, einmal im Massenchor mit ihm aufzutreten. Ich hatte recht, der 4. Juli war ein Riesenerfolg. Auf dem Marktplatz zeigte sich, wie begeistert Chöre und Besucher, jung und mitsangen.
Gotthilf Fischer kam, dirigierte, siegte: "Ihr seid alle meine Fischerchöre..."
Wötzel: 26 Chöre der Romantischen Straße zeigten: das Chorwesen lebt. Darunter waren viele junge Ensembles mit modernem Repertoire. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass Vereine mit traditioneller Literatur überaltert sind. Was sind die Ursachen, haben solche Programme noch Zukunftschancen?
Helma Kurz: Der Eindruck der Überalterung stimmt. Wenn heute jemand mit 40 oder 50 Jahren in einen Gesangverein eintritt, wird er als Chornachwuchs begrüßt. Singen ist „in“, auch im Chor. Aber man muss eine geschickte Verbindung finden zwischen Singen im Chor und Verein. Viele junge Leute schreckt heute die oft verknöcherte Vereinsstruktur ab. Sie wollen sich nicht von einem Vorsitzenden sagen lassen, was sie zu tun und zu lassen haben. Die Crux vieler Vereine ist doch, dass der Vorsitzende meint, er sei der "Bestimmer". Das ist im Chor immer noch der Chorleiter.
Wötzel: Wo sollte man mit der Pflege des Volksliedes beginnen?
Helma Kurz: Bei der Bildung. Die fängt in der Familie an. Dort wird nicht mehr gesungen, und das zieht sich über den Kindergarten bis in die Schule. Der Deutsche Chorverband ist da mit dem Projekt "Felix", dem Preis für Singen in Kindergärten, auf einem guten Weg.
Volkslied-Dauer-Potpourri beim Chorfest auf Feuchtwangens Marktplatz mit über 1.200 begeisterten Besuchern und Gesangvereinen
Wötzel: Und wie steht es um die Schule?
Helma Kurz: Das große Manko liegt in der Ausbildung der Grundschullehrer. Sie werden nicht mehr mit dem Volkslied, seiner Entstehungszeit, Inhalte und Hintergründe vertraut gemacht. Wie sollen sie dann vermitteln, was die Lieder ausdrücken – Gefühl, Musik, Geschichte, Literatur und Geografie? Das sollten vor allem angehende Lehrer lernen. Das ist zwar ein Wunschtraum, aber nur so kann man die Liebe zum Volkslied wecken, wenn man weiß, was wann, wo und warum gesungen wurde. Es mag vielleicht merkwürdig klingen – aber die einzigen, die heute noch Empfindungen ausdrücken, sind die Rapper. Aus ihren Texten und ihrer Musik entlädt sich die ganze Wut, Aggression, Enttäuschung, aber auch Sehsucht und Hoffnung. Sie suchen eine heile Welt. Nichts anderes haben die Volkslieder gemacht…
Chormusik hat viele Töne: Gospel in der Johanniskirche, Landsknechtlieder im Kreuzgang...
Das Volkslied ist ein Kulturgut und das sollte man früh pflegen. Dann nimmt man es für den Rest des Lebens mit und schiebt es nicht beiseite. Ich bin überzeugt, dass viele Chöre, die heute Gospel, Jazz oder sonstige englische und internationale Literatur singen, gar nicht wissen, was sie singen, schon gar nicht, dass dies oft Volkslieder sind. Sie singen es, weil es ein cooler Song mit flottem Rhythmus ist. Pflege von Kulturbewusstsein bedeutet zu vermitteln, dass es auch cool ist, deutsche Lieder zu singen. Denn diese bestehen nicht aus zwölf Jahren mieser Geschichte. Wir haben eine ganz lange Geschichte und zu der gehören unsere wunderschönen Volkslieder, um die wir in der ganzen Welt beneidet werden...
...und tradiertes Repertoire im Kreuzgang: Gotthilf Fischer und Helma Kurz unisono: Das Volkslied lebt - pflegt es!
Wötzel: …doch wir pflegen sie nicht…
Helma Kurz: …aber die anderen singen sie. Ich habe beim Chorfest 2003 in Berlin einen japanischen Männerchor mit deutschen Volksliedern gehört, das war zum Niederknien. Sie fragte mich, warum unsere Chöre nicht ihre deutschen Volkslieder singen, sondern Englisch oder sonst eine Sprache, die sie nicht verstehen.
Das sind die Ansätze. Doch das können die Chöre allein nicht leisten. Die Menschen müssen schon mit diesem Kulturbewusstsein anfangen zu singen. Dann hat das Volklied auch Zukunftschancen.
Wötzel: Frau Kurz, vielen Dank für das Gespräch und auf viele weitere Chorfeste!
Fotos: Romantische Straße Touristik-Arbeitsgemeinschaft (1), www.gruppenreisen-clicks.de/Gerd-Niels Wötzel (9)
