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Stirbt das Sängermuseum in Feuchtwangen?

Interview zum "Sängerkrieg" mit Helma Kurz

Ein Herz für den Chorgesang: Dr. Thomas Goppel und Helma Kurz beim 2. Chorfest Romantische Strasse in Feuchtwangen

Rund 1.500 Menschen sangen Anfang Juli zum Finale des 2. Chorfestes Romantische Straße in Feuchtwangen als "Massenchor" unter Chorlegende Gotthilf Fischer. Ganz vorne, an der Seite des Präsidenten des Bayerischen Musikrates und früheren Staatsministers Dr. Thomas Goppel, stimmte Helma Kurz kräftig mit ein: Die langjährige Geschäftsführerin der Stiftung Dokumentations- und Forschungszentrum Deutsches Chorwesens war kurz zuvor Knall auf Fall ihres Amtes enthoben worden. Gerd-Niels Wötzel, Herausgeber von www.gruppenreisen-clicks.de, sprach mit der Feuchtwangerin, die in 20 Jahren Stiftung und Sängermuseum mit Millionen-Beträgen unterstützt hatte, über Hintergründe des "Sängerkriegs", die Zukunft des Museums und des Chorgesangs.

Wötzel: Das Sängermuseum in Feuchtwangen ist als ein Topziel für Gruppenreisen und Vereinsauslüge einmalig in Deutschland – warum?
Helma Kurz: Das Museum und das Archiv – die beiden Füße der Stiftung – sind einzigartig im gesamten deutsprachigen Raum, also auch in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz, wo die Strukturen des Vereinswesens ähnlich sind wie bei uns. Die Sammlung erzählt in einer Multimedia-Präsentation die bewegte Geschichte des deutschen Chorwesens von Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Die Besucher sehen und hören so umfangreich wie sonst nirgendwo, wie sich Chorliteratur und Chorwesen entwickelt haben, also wann Chöre warum und wo welche Lieder gesungen haben. Chorliteratur ist immer auch ein Spiegel der Politik und Zeitgeschichte. Darum ist das Sängermuseum eine Fundgrube für Soziologen, Historiker etc. Auf einen Nenner gebracht: Wir erzählen deutsche Geschichte am Beispiel der Entwicklung in den Gesangvereinen.

Wötzel: Was sind die Highlights und größten Schätze im Sängermuseum?
Helma Kurz: Das gesamte Museum ist das Highlight. Ideell größter Schatz ist der interdisziplinärer Ansatz, materiell die Sammlung von 3.000 Autografen, die aus konservatorischen Gründen der breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Diese Briefe und Notizen von Persönlichkeiten wie z.B. Schubert, Goethe, Schiller, Schumann wurden von begeisterten Sängern gekauft und dem im 2. Weltkrieg zerstörten Sängermuseum in Nürnberg geschenkt. Es handelt sich um den Rest einer Kollektion von rund 30.000 Exemplaren, die großenteils zu Kriegsende verloren gingen.

Ein Kleinod für den Chorgesang: Blick in die Multmedia-Ausstellung mit der Fahne des Deutschen Sängertags in Nürnberg 1801 (M.) und in die wertvollen Bestände des Archivs. Gehen sie Feuchtwangen im Herz der Romantischen Straße verloren?


Wötzel:
Sie wurden ohne Vorwarnung als ehrenamtliche Geschäftsführerin der Stiftung Dokumentations- und Forschungszentrum Deutsches Chorwesens in Feuchtwangen, zu das Deutsche Sängermuseum gehört, gefeuert. Was sind die Hintergründe?
Helma Kurz: Ein Hintergrund ist die geplante Auslagerung eines Großteils des Archivbestandes zur Universität Würzburg. Da habe ich Bedenken wegen ungeklärter Fragen geäußert: versicherungstechnisch, zur Lagerung der einzigartigen Dokumente, wie lange diese in Würzburg bleiben, ob sie überhaupt zurückkommen, ob interessierte Laien und Wissenschaftler dort genauso Zugang haben wie in Feuchtwangen. Damit bin ich dem Deutschen Chorverband in Berlin und dessen Präsidenten Dr. Henning Scherf (Anmerkung der Redaktion: früherer Bürgermeister von Bremen) als treibender Kraft zu unbequem geworden.

Helma Kurz: "So lange ich rote Haare auf dem Kopf habe, bleiben das Sängermuseum und das Archiv in Feuchtwangen..."

Wötzel: Das ist doch kein Grund für eine Entlassung…
Helma Kurz: …Gründe findet man immer. Für meine Entlassung wurden die Verluste vorgeschoben, die das Museum in den vergangenen beiden Jahren aufgrund von Abschreibungen gemacht hat. Diese Defizite sind klein gegenüber den Summen, mit denen mein verstorbener Mann und ich in 20 Jahren diese Institution unterstützt haben.

Wötzel: Man spricht von rund zwei Millionen Euro…
Helma Kurz: …neben diesen eigenen Mitteln habe ich noch annähernd eine Million Euro an Drittmitteln eingeworben, vom Freistaat Bayern, dem Bezirk Mittelfranken, dem Kreis Ansbach, der Sparkassenstiftung und vor allem der Stadt Feuchtwangen

Wötzel: Es soll auch eine neue museums-wissenschaftliche Konzeption geben?
Helma Kurz: Das ist schon merkwürdig. Schließlich wurde das Sängermuseum wegen seiner hervorragenden museumspädagogische Konzeption von Prof. Dr. Johannes Hoyer (Universität Augsburg) durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgezeichnet.

Wötzel: Dr. Thomas Goppel kritisierte in der Presse den Umgang mit Ihnen so: "Wenn Herr Scherf Frau Kurz mit seiner Mannschaft verwechselt, dann ist das sein Problem, aber unsere Sorge". Zielt das auf die Folgen einer Verlagerung großer Teile des Archivs? Hat das Sängermuseum dann noch eine Zukunft?
Helma Kurz: Trotz entgegen gesetzter Beteuerungen glaube ich: nein. Ich vermute, dass der Chorverband die Geschäftsführung komplett nach Berlin verlegen und die Institution von dort aus steuern will. Das schwächt die Position des Sängermuseums – es ist über kurz oder lang tot. Das wäre für Feuchtwangen bedauerlich. Die Stadt hat es nicht verdient, zwischen Rothenburg und Dinkelsbühl ein Mauerblümchendasein zu spielen. Feuchtwangen hat schon seine Besonderheiten, den Kreuzgang mit den Festspielen, das einmalige Fränkische Museum und gleich gegenüber das Sängermuseum. Es wäre jammerschade, wenn durch irgendwelche fehlgesteuerten Aktivitäten die Attraktivität der Stadt im Herzen der Romantischen Straße leiden würde.

Wötzel: Der Bundestagsabgeordnete Josef Göppel und der Landtagsabgeordnete Klaus Dieter Breitschwert forderten Scherf auf sich bei Ihnen zu entschuldigen. Ist das geschehen?

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Fotos: Sängermuseum (2), www.gruppenreisen-clicks.de/Gerd-Niels Wötzel (3)