Guggenmusik - ein schön schräger Gruppen-Event
Gefragt: Uwe Grauli, Deutscher Guggenmusikverband
Am 4. Januar 2009 geht im Europa-Park im badischen Rust die 5. Deutsche Guggenmusikmeisterschaft über die Bühne: Super-Event für alle Freunde fetziger Rhythmen, schräger Töne und hinreissender Shows, organisiert vom Deutschen Guggenmusikverband. Gerd-Niels Wötzel, Herausgeber von www.gruppenreisen-clicks.de, interviewte Verbandspräsident Uwe Grauli (29), als Schlagzeuger und Vorstand der Guggemusik "Halli Galli" Steinen bei Lörrach – im Epizentrum dieser Musik mit ihren Wurzeln im 16. Jahrhundert.
Gerd-Niels Wötzel: Was ist Guggenmusik? Laut Wikipedia gibt es wegen unterschiedlicher Fasnachtstraditionen keine einheitliche Definition. Ist es eine Musikrichtung oder Philosophie?
Uwe Grauli: Es ist beides. Einerseits können dabei viele Menschen, die nicht "Musik gelernt" haben, Musik machen. Der philosophische Teil ist, dass wir Guggenmusiker Traditionen aus dem süddeutsch-alemannischen Raum pflegen und verbreiten.
Gerd-Niels Wötzel: Beschränkt sich Guggenmusik nur auf die Fasnacht – und handelt es sich nur um eine regionale Spezialität?
Uwe Grauli: Im süddeutsch-alemannischen Raum dominiert die Zeit der Fasnacht ab 11. November und dann speziell vom 6. Januar bis Aschermittwoch. Daran schließen sich vier Tage "Buure-Fasnacht" (Bauern-Fasnacht) an und als absoluter Höhepunkt ab Montag nach Aschermittwoch die Basler Fasnacht. Neben Auftritten bei Fasnachtsveranstaltungen, Umzügen etc. organisieren viele Guggenmusiken auch eigene Bälle und Events, um das Vereinsleben zu finanzieren. Guggenmusik verbreitet sich stark. Es gibt auch Gruppen u.a. in Mainz, Hamburg und Sachsen.
Uwe Grauli
Gerd-Niels Wötzel: Was ist der Grund dieser Entwicklung?
Uwe Grauli: Wie gesagt, der Spaß für Leute, die musikalisch nicht 100% sattelfest sind, aber Musik zur Freude anderer Menschen machen wollen. Es gibt viele Gruppen mit langer Tradition. Vor zehn Jahren begann ein Boom von Neugründungen, der bis heute anhält.
Gerd-Niels Wötzel: Wie viele Gruppen und Musiker gibt es, wie groß sind sie, wie unterscheiden sie sich?
Uwe Grauli: Die Zahl lässt sich schwer schätzen. Allein im Basler Raum gibt es rund 150, in Zürich um die 90 organisierte Guggenmusiken. Das Spektrum ist breit, vom 10 -Personen-Ensemble bis zur 60 Mann Big-Band. Hier 'professionelle' Vereine, die jede Woche proben, um das Beste für den Höhepunkt des Jahres herauszuholen, dort viele Gruppen, die erst ab Oktober proben.
Gerd-Niels Wötzel: Viele Musikvereine – z.B. Chöre – leiden unter Überalterung. Kennen auch Guggenmusiken Nachwuchs-Probleme?
Uwe Grauli: Nein. Der Alterdurchschnitt liegt bei ca. 25 bis 30 Jahren. Jugendarbeit wird bei den meisten Vereinen groß geschrieben und das Zusammengehörigkeitsgefühl, das es auch bei anderen Musikvereinen gibt, ist bei uns sehr ausgeprägt. Ein entscheidender Faktor für das Interesse junger Leute liegt im Repertoire und daran, dass Guggenmusik dahin geht, wo Feste und Party gefeiert werden.
Gerd-Niels Wötzel: Woher rekrutieren die Gruppen ihren Nachwuchs?
Uwe Grauli: Auf zwei Wegen: Viele wurden als Kinder von ihren Eltern als aktiven Musikern mit dem Virus infiziert. Andere erlebten bei Festen, wie viel Spaß diese Art von Musik macht und treten in Vereine ein. Wichtig ist aber die richtige Mischung aus jungen Leuten und Aktiven mit Erfahrung und Organisationstalent.
Gerd-Niels Wötzel: Wie groß ist das Repertoire, welche Art von Musik kommt an?
Uwe Grauli: Das Repertoire ist breit gestreut, vom Gassenhauer und Volkslied über Dixieland und Popsongs bis zu aktuellen Charts, kurz alles, was sich für Blasmusik eignet. Für den Erfolg ist die Qualität von Musik und Darbietung entscheidend.
Gerd-Niels Wötzel: Stichwort musikalische Qualität: Bedeutet es nicht die Quadratur des Kreises, diesen Anspruch mit der Tradition dieser von 'schräg ', 'schief ', 'falsch' oder sonst wie bezeichneten 'Katzenmusik' unter einen Hut zu bringen?
Uwe Grauli: Das ist nicht leicht, vor allem für Mitglieder, denen Musik nicht beigebracht wurde. Aber die Tendenz geht eindeutig zu besserer Musik, die nicht nur dahingespielt, sondern arrangiert wird und beide Elemente – sagen wir 'schief und schön' – vereint. Das erreicht man meistens nicht mit wenigen Proben.
Gerd-Niels Wötzel: Und wie steht es um Guggenmusikerinnen?
Uwe Grauli: Es gibt reine Männervereine, die oft sehr der Tradition verhaftet sind, und reine Frauenvereine. Dazu gemischte Gruppen, die meiner Meinung nach im Trend liegen.
Gerd-Niels Wötzel: Wie wirkt der Verband auf dieses Ziel hin?
Uwe Grauli: Nehmen Sie die 5. Deutsche Guggenmusik-Meisterschaft am 4. Januar 2009 im Europa-Park. Dafür gibt es drei gleichwertige Kriterien: Show und Choreographie, Maske und Kostüm sowie musikalische Qualität. Unser Verband vereint die unterschiedlichsten Gruppen bis hin zu Spezialisten, die ihre Instrumente selbst bauen. Dass diese anders klingen als industriell gefertigte Blasinstrumente und Schlagwerke, ist selbstverständlich. Aber Stimmung und Party sind top.
Gerd-Niels Wötzel: Sie organisieren zum 5. Mal die Meisterschaft im Europa-Park. Was bietet dieser Park...
Uwe Grauli: …mit dem Europa-Park Dome eine sensationelle Location. Auf einer solchen Bühne vor so viel Publikum aufzutreten ist einzigartig. Dazu kommt eine hervorragende Logistik. Und die Gruppen können im Park selbst den Gästen kräftig einheizen…
Auch die Halli Galli begeistern wieder bei den 5. Deutschen Guggenmusik-Meisterschaften im Europa-Park
Gerd-Niels Wötzel: Guggenmusiken ziehen beim Kölner und Mainzer Rosenmontagszug mit. Reisen die Gruppen gern – und können sie z.B. bei Vereinsjubiläen und anderen Events auftreten? Was kostet das?
Uwe Grauli: Viele Gruppen treten gern auswärts bei großen Umzügen auf, nicht zuletzt, weil dort diese Art von Musik weniger oder gar nicht bekannt ist – und sie viel Beifall ernten. Ob in Köln, bei der Steuben-Parade in New York – oder wie ich gehört habe, in Shanghai, wo ein regelrechtes Gugge-Fieber herrschte. Auch Auftritte auf Einladung von Vereinen sind möglich. Die Kosten für Busfahrt, Übernachtung und Verpflegung sollten von den Veranstaltern getragen werden. Diese Kosten sind natürlich abhängig von der Entfernung und der Größe der Gruppe. Der Verband vermittelt bei Bedarf hier gerne eine passende Gruppe für solche Veranstaltungen.
Gerd-Niels Wötzel: Kurz Ihre Top-Events der Guggenmusik?
Uwe Grauli: Natürlich die deutsche Meisterschaft im Europa-Park und das Verbandstreffen des deutschen Guggenmusikverbandes, das jährlich bei einem Mitgliedsverein stattfindet, dann das Open-Air in Lauffenburg (Fasnachtsfreitag), die Gugge Explosion in Lörrach (Fasnachtssamstag) – und die Basler Fasnet, um nur einige zu nennen.
Gerd-Niels Wötzel: Herr Grauli, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin 'schön schräge' Musik!
Fotos: Uwe Grauli, Guggenmusik Halli Galli



