100 Jahre Omnibusbau in Ulm

Setra - ein Bus trägt sich selbst

1911: Start der Bustradition mit dem "Wiblinger Auto"

100 Jahre Omnibusbau in Ulm und Neu-Ulm, 60 Jahre Setra und der 100.000 Setra-Omnibus: Glanzvoller kann man Tradition im 125. Jubiläumsjahr des Automobilbaus nicht feiern als der bis 1995 unter dem Namen Kässbohrer und seither unter dem Dach der Stuttgarter Daimler AG und dem Markenamen Setra erfolgreiche Bushersteller aus der Münsterstadt an der Donau. Seit 1911 Innovationsschmiede im Omnibusbau und Garant für komfortable und sichere Urlaubsfahrten, Gruppenreisen und Vereinsausflüge mit dem Reisebus.

Der mit einem Benzinmotor angetriebene Omnibus wurde in Ulm zwar nicht erfunden. Diese Ehre gebührt Mannheim und Carl Benz, der 1895 – neun Jahre nach dem von ihm erfundenen Auto – auch den ersten Kraftomnibus baute. 1911 fertigte in Ulm Karl Kässbohrer seine ersten beiden Kraftomnibusse.

1911 versus 1951: 40 Jahre Busbau in Ulm - Karl Kässbohrers erster Bus "Wiblinger Auto" (l.), Otto Kässbohrers erster Setra "S8"


Seither entwickelten sich die aus seiner "Ulmer Wagenfabrik" hervorgehenden "Karl Kässbohrer Fahrzeugwerke" zu einer ersten Adresse in diesem automobilen Segment. Zumal hier 40 Jahre später, 1951, mit dem selbsttragenden Bauprinzip eine Bus-Revolution entstand, deren Konstruktionsart zum Markenamen Setra wurde. An der Ulmer Innovationsfreude mit den bis heute fünf Setra-Baureihen (10, 100, 200, 300 und 400) – hat sich auch unter dem Mercedes-Stern seit 1995 – nichts geändert.

Setra-Bus-Parade im Werk Neu-Ulm zum 60. Geburtstag der Marke


Wenn Bierfässer und Fahrgäste wechseln
Was waren das noch für Ausflüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bequemlichkeit und Komfort der heutigen Luxusbusse waren unbekannt, die Ulmer jedoch froh, schneller als mit Pferdekutschen aus der Stadt ins Grüne und zurück zu fahren. Wenn auch auf holprige Art. Denn schon 1907 hatte Karl Kässbohrer für die Brauerei "Kalte Herberge" im benachbarten Klingenstein ein besonders wirtschaftliches Fahrzeug entwickelt. Unter der Woche wurden damit Bierfässer befördert und sonntags auf herausklappbaren Sitzbänken mit Lehnen Ausflügler ins Ulmer Umland. Ein früher Vorläufer der heute in der Busbranche geschätzten "Doppelverdiener", die wochentags in Überlandlinien- und am Wochenende in Ausflugsverkehren eingesetzt werden.

Legendär: das "Wiblinger Auto"

Das "Wiblinger-Auto" - schneller als vom Gesetz erlaubt
1911 war Kässbohrer mit dem Bau seinem ersten auf Fahrgestellen des Schweizer Lastwagen- (und Bus-) Herstellers Saurer der Zeit voraus. Sie verbanden Ulm mit dem Vorort Wiblingen und gingen als "Wiblinger Auto" in die Mobilitäts-Geschichte ein. Mit 18 Sitz- und zehn Stehplätzen, Kardanwelle, Vollgummi-bereiften Holzrädern und einem 30 PS starken 4-Zylinder-Benzinmotor überboten die Kässbohrer mit 45 km/h das von der Württembergischen Verkehrsbehörde vorgeschriebene Höchsttempo um satte 15 km/h. Und erstmals überhaupt in einem Omnibus saß der Fahrer nicht im Freien, sondern geschützt im Bus. Die Linie ab Münsterplatz wurde so gut angenommen, dass ab 1923 auch Anhänger gebaut wurden. Bis in die 1950er Jahre war Kässbohrer dann der führende deutsche Hersteller für Busanhänger.

Bildgalerie: Details des "Wiblinger Autos"
(Bilder anklicken zum Vergrößern)

Mit dem überraschenden Tod von Karl Kässbohrer im Dezember 1922 erlahmte der Ulmer Innovationsgeist nicht. Im Gegenteil. Seine beiden Söhne, der 21jährige Maschinenbau-Student Karl und der 18jährige Otto, der gerade eine Wagner-Lehre abgeschlossen hatte, übernahmen die Unternehmensleitung und teilten sich die Arbeit: Karl war für Lkw-Aufbauten und Anhänger zuständig, Otto für Omnibus- und Pkw-Aufbauten. Diese Struktur bewährte sich zeitlebens der Brüder.

Fotos: Daimler AG/Setra; www.gruppenreisen-clicks.de (1)

Weiter zu Kleinbussen, Kurbeldach und Tempo 130